LACANS OPTIK. DER ANALYTIKER UND DIE VISUELLEN KÜNSTE

Galerie Faber (Wien): 12. – 30. Jänner 1988. Konzeption/Realisation: Gerhard Fischer, Walter Seitter

AUSSTELLUNG
Gaëtan Gatian de Clérambault: Vermummungen/Drapierungen, 40 Fotografien. Photothèque Musée de l’Homme, Paris.

Gerhard Fischer/Thomas Kierlinger: Die Spiegelmaschine mit dem versteckten Blumenstrauß, Konkav-Spiegel, Stele mit Vase, lila Seidenblumen.

Korrespondenz zwischen Jacques Lacan, Pierre Soury, Michel Thomé (18. Dezember 1973 – 2. März 1979). Sammlung Michel Thomé (Paris):
J. Lacan: Brief vom 11. 6. 1975
J. Lacan: Telegramm vom 4. 2. 1976
J. Lacan: Brief vom 23. 2. 1976
J. Lacan: Brief vom 25. 2. 1976
J. Lacan: Brief vom 10. 7. 1976
J. Lacan: Brief vom 1. 9. 1976
J. Lacan: Brief um 1976
J. Lacan: Brief vom 30. 11. 1977
J. Lacan: Brief vom 15. 12. 1977
J. Lacan: Brief vom 12. 1. 1978
J. Lacan: Brief vom 17. 1. 1978
J. Lacan: Brief vom 21. 2. 1978
J. Lacan: Brief vom 8. 5. 1978
J. Lacan: Brief vom 23. 5. 1978
J. Lacan: Brief vom 20. 10. 1978
J. Lacan: Brief vom 7. 11. 1978
J. Lacan: Brief vom 20. 11. 1978

27 Topologische Zeichnungen. Sammlung Jean-Michel Vappereau, Paris:
J: Lacan: [Was läßt Ein-Loch sagen...?]
P. Soury: [Der Kreuzknoten am Torus]
P. Soury: [Das Möbiusband/Das umhüllende Band]
J. Lacan: [Das dreifache Möbiusband und sein Mittelschnitt)
J. Lacan: [Versuch einer Borromäischen Kette mit vier Ringen)
J. Lacan: [Konstruktion der Viererkette]
J. Lacan: [Konstruktion der Viererkette]
J. Lacan: [Flechtung mit vier Strängen]
J. Lacan: [Die Topologie widersteht]
J. Lacan: [Das Auseinanderklaffen der Psychoanalyse und der Topologie]
J.-M. Vappereau: [Eintauchen der Borrmomäischen Dreierkette in die Oberfläche des dreifachen Torus]
P. Soury: [Eintauchen der Borromäischen Dreierkette in den vierfachen Torus]
J.-M. Vappereau: [Umkehrung des dreifachen Torus, der die Dreierkette trägt)
J.-M. Vappereau: [Ausschnittbild des umgekehrten dreifachen Torus]
J. M. Vappereau: [Ausschnittbild des dreifachen Torus]
P. Soury: Generalisierter Borromäischer Knoten]
J.-M. Vappereau: [Generalisierung der Borromäischen Struktur]
J.-M. Vappereau: [Generalisierung der Borromäischen Struktur]
J.-M. Vappereau: [Generalisierung der Borromäischen Struktur]
J. C. Terrasson: [Generalisierter Borromäischer Knoten 6-4]
J.-C. Terrasson: [Detail des Falles n6p4]
J.-M. Vappereau: [Generalisierter Borromäischer Knoten C 5-3]
P. Soury: [Generalisierter Borromäischer Knoten im engeren und im weiteren Sinn]
P. Soury: [Generalisierter Borromäischer Knoten im engeren und im weiteren Sinn]
P. Soury: [Generalisierter Borromäischer Knoten im engeren und im weiteren Sinn]
P. Soury: [Generalisierter Borromäischer Knoten 6-3]
J. Lacan: [Ein drittes Geschlecht]

Die Titel in eckigen Klammern wurden von J.-M. Vappereau nachträglich hinzugefügt.

40 Zeichnungen von Pierre Soury und Michel Thomé: Chaînes et Noeuds, 1974/75. Sammlung Michel Thomé, Paris.

33 Zeichnungen von Jean-Michel Vappereau: Nouages, 1981/82. Archiv J.-M. Vappereau, Paris.

FILME
Jacques Lacan: Conférence de Louvain, 13. Opktober 1972, Video. Radio Télévision Belgique 1982.

Topologie design, Video. Topologie en extension 1984.

VORTRÄGE UND VORFÜHRUNGEN

12. Jänner 1982:
Erich Joham, Wien: Haarknoten
Jean-Michel Vappereau, Paris: Von der Optik zum Knoten
Michel Thomé, Paris: Die Knoten und Lacan

13. Jänner 1988:
Jean-Michel Vappereau: Die Knoten Lacans
Michel Thomé: Soury und Lacan

16. Jänner 1988:
Eugénie Lemoine-Luccioni, Paris: Vom Seher zum Voyeur. Clérambault

22. Jänner 1988:
Peter Mahr, Wien: Lacan und das Über-Reale (Dali, Magritte)

29. Jänner 1988:
Roland Maruna, Wien: Alpine Knoten.

Die Ausstellung (ohne Begleitprogramm) ist im Museum moderner Kunst in Wien im Rahmen der Schau daedalus-daedalus vom 22. Oktober bis zum 30. Dezember 1990 wiederholt worden.

Eine ausführliche Dokumemtierung der Ausstellung findet sich in: G. Fischer, K. Gruber, N. Martin, W. Rappl (Hg.): daedalus-daedalus: Die Erfindung der Gegenwart (Basel-Frankfurt 1990): 275-307. Eine knappere Dokumentierung in: Nora und Gerhard Fischer: Museum von Menschen oder wo sich Kunst und Wissenschaft wiederfinden (Wien 1996). 148-163. Der Vortrag von Eugénie Lemoine-Luccioni ist abgedruckt in: Tumult Zeitschrift für Verkehrswissenschaft 12: Gaëtan Gatian de Clérambault (1872-1934): Ein Augenschicksal (1988). Dort auch andere Texte über und von Clérambault sowie Abbildungen.

Gegenstand und Thema der Ausstellung und des Begleitprogramms waren visuelle bzw. visualisierende Praktiken, die der Psychoanalytiker Jacques Lacan vorgefunden und aufgegriffen hat, um sein eigenes Denken zu entwickeln; ferner solche Praktiken, die er selber realisiert und in seine Denk-, Sprech-, Schreibtätigkeit eingebaut hat – zum Teil in direktem Austausch mit seinen Lehrern in der Topologie (die seine Schüler in der Psychoanalyse waren).

Eine wichtige und umfangreiche Vorläuferpraxis in Sachen Visualisierung war für Lacan das Gesamtwerk von Gaëtan Gatian de Clérambault (1872-1934). Er hatte zunächst Angewandte Kunst und Jurisprudenz studiert – und sollte auch in seinem späteren Hauptberuf – in der Psychiatrie – jenen beiden Disziplinen verbunden bleiben. Denn die exakte Darstellung und die Entscheidung waren wichtige Aspekte seiner gerichtspsychiatrischen Tätigkeit. Sein Studium der Medizin und Psychiatrie schloß er mit einer Doktorarbeit ab, die dem Ohrenhämatom der Geisteskranken gewidmet ist. Im Gegensatz zur üblichen Auffassung, wonach diese Hämatome auf Entwicklungsdefizite zurückzuführen seien, vertrat er die These, die Irren würden sich ihre Blutergüsse zuziehen, da sie ihre Köpfe gegen die Mauern ihrer Zellen stoßen. Diese These, die auf Ausagierung, Auseinandersetzung, Zusammenstoß setzt, zeigt bereits sehr deutlich Clérambaults Denkstil. Die Jahre 1903 und 1904 verbrachte Clérambault in Wien: er war Leibarzt bei einer Gräfin, lernte die deutsche Sprache und hat anscheinend von Freud keine Notiz genommen. Eine Liste aller Namen und Begriffe in seinem psychiatrischen Werk verzeichnet den Namen Freuds nicht. In einem seiner Texte findet sich jedoch „freudisme“ als Bezeichnung für das von Clérambault abgelehnte „ideogenische Dogma“. Als Gerichtspsychiater richtete er seine Aufmerksamkeit auf die „Stoffleidenschaften“ von Frauen, die straffällig geworden waren, weil sie in Textilgeschäften gestohlen hatten. Im Ersten Weltkrieg war er an der Front gegen die Deutschen eingesetzt und lieferte extravagante fotographische Mutproben: er warf sich ins Schußfeld der, wie er sagte, „minnenwerfen“ und fotografierte die Einschüsse. Sein Augenschicksal hat eingesetzt. Eine schwere Verwundung ermöglicht ihm einen Erholungsaufenthalt in Marokko. Dort baut er eine andere Blick-Leidenschaft aus: er stellt Tausende von Fotos her, die Männer und Frauen, Gruppen, Paare und einzelne in ihren traditionellen Gewändern zeigen: riesige Hüllen mit ihren Faltungen, Knotungen und Öffnungen. Nach Paris zurückgekehrt arbeitete er wieder als Gerichtspsychiater und führte auch eine Lehrveranstaltung durch, an der der junge Lacan teilnahm. Daneben widmete er sich der historischen und ethnographischen Kostümkunde und lehrte dieses Fach an der Akademie für Bildende Kunst und verfaßte mehrere Aufsätze über die Kunst der Drapierung. Er forschte und lehrte nicht nur in diesem Fach sondern baute es offensichtlich zu einer ganzen Lebenskunst aus. Umso schwerer traf ihn das Schicksal: er verlor langsam sein Augenlicht; er beschrieb noch in einem faszinierenden Text sein neues, sein anormales Sehen. Aber dann verzweifelte er und gab sich in einer spiegelstadialen Installation den tödlichen Schuß.

Zu Clérambaults Leben und Werk gehören auch seine psychiatrische Theoriebildung oder seine literarischen und justiziellen Auseinandersetzungen mit den Surrealisten. Was Lacan bewogen hat, Clérambault seinen „einzigen Lehrer in der Psychiatrie“ zu nennen, war sicherlich dessen Kunst des Sehens und des Sichtbarmachens. Und Lacan konzeptualisiert diese Kunst in einer Weise, die direkt auch an den Gewandfotografen denken läßt: der klinische Blick bestehe in „Treue zur formellen Hülle des Symptoms.“

In der Ausstellung ist auch das „Experiment mit dem umgekehrten Blumenstrauß“ reproduziert worden, welches Lacan in seinem Seminar I: Freus technische Schriften (Olten 1978) aus Henri Bouasse: Optique et photométrie dites géometriques (Paris 1934): 47 entnommen und ausführlich kommentiert bzw. theoretisch ausgewertet hat. Das Experiment besteht darin, daß vor einem Konkavspiegel eine Vase aufgestellt wird und unter der Vase ein Blumenstrauß aufgehängt wird (Kopf nach unten). Im Hohlspiegel aber sieht man den Blumenstrauß aufrecht über (bzw. in) der Vase stehen.



Fotografie: Johannes Faber

Wie die beiden abgebildeten Fotografien aus der Ausstellung zeigen, hat das Experiment funktioniert. Zu seiner Installation wurde ein großer Hohlspiegel auf Holzgestell aus dem Technischen Museum in Wien ausgeliehen. Dieses Spiegelgestell war 1,5 m breit, 1,2 m tief und 2,6 m hoch; der Spiegel aus Metall und Glas hatte einen Durchmesser von 1,36 m. Das Holzgestell, schwarz lackiert, war sehr schön, die ganze Spiegelmaschine erschien wie ein Kunstwerk von klassischem Zuschnitt. Die Nachfrage im Technischen Museum ergab, daß es zu diesem Spiegel nur eine alte und falsche Inventarnummer gibt; Zeit, Ort und Autor der Herstellung sind unbekannt.


Von den Zeichnungen Lacans sei eine hervorgehoben. Sie findet sich im Brief vom 11. 6. 1975 an Pierre Soury und Michel Thomé oder vielmehr: der Brief besteht nur aus dieser Zeichnung mit ganz knappen sprachlichen und schematischen Zusätzen, die darauf hinweisen, daß es sich um einen Knoten aus sechs Ringen handelt, von denen einer Omega heißt und die Form eines Rhombus hat: und er soll es sein, der dem Ganzen den borromäischen Charakter gibt.
Was aber sieht man? Gezeichnet mit blauer Feder, blauem und grünem Filzstift, konzentrisch übereinander gelegt, ein griechisches Kreuz, einen Rhombus, ein Quadrat, ein Rechteck und eine kreuzförmige Fläche mit zwei halbkreisförmigen und zwei rechtwinkeligen Abschlüssen. Das Ganze wirkt wie ein komplexer und doch regelmäßiger Architekturgrundriß: ein Zentralbau, der in mehreren Etagen unterschiedliche Formen annimmt, die hier alle palimpsestartig ineinander gelegt sind. Die Zeichnung ist ohne Lineal und Zirkel ausgeführt und doch von großer und präziser Konzentriertheit. Das leichte Zittern und Schwanken des großen Gebildes, das gelegentliche Ineinander und das gelegentliche Nebeneinander von dünnen Federstrichen und dickeren Filzstiftstrichen – all das gibt der winzigen Zeichnung eine „Lebendigkeit“, die sowohl das Kleinod, den geschliffenen, blau-grün funkelnden Edelstein, wie auch die große und durch die Jahrhunderte durchstehende Architektur evoziert.

Der vom Außenweltdenker Clérambault inspirierte Lacan hat damit - zufällig oder tychisch - ein Kunstwerk geschaffen: eine Erscheinung, die kraft ihrer Erscheinungshaftigkeit mehr bedeutet (sehen läßt und verbirgt, spricht und selber blickt), als sie vielleicht bedeuten soll oder will. Er realisiert eine Perspektive, die über Psychologie und Therapie hinausgeht und löst „theoretisch“ – ästhetisch und philosophisch – ein, was Freud mit einer Erklärung wie dieser andeutet: „Ich beschränke mich darauf zu sagen, daß ich keine Schwierigkeit darin finde, eine physische Welt neben der psychischen anzuerkennen in der Art, daß die letztere ein Teil der ersteren ist.“

Zum theoretischen Hintergrund der Ausstellung siehe Walter Seitter: Jacques Lacan: als Zeichner, in: ders.: Jacques Lacan und (Berlin 1984); Niels Werber: Lacan und die Kunst. Spaziergänge durch ein terminologisches Labyrinth, in: Texte zur Kunst 4 (1991).



Michel Thomé: Der Briefwechsel Lacans mit Thomé und Soury

Es beginnt im November 1973, als Lacan in seinem Seminar wieder vom borromäischen Knoten spricht, den er im Januar 1972 vorgestellt hatte.

Zunächst entdeckt Thomé, daß der borromäische Knoten (aus 3 Ringen) aus einem regelmäßigen Zopf (mit 3 Strängen und 6 Kreuzungen) durch Verbindung der Enden entwickelt werden kann. (Es handelt sich um den allgemein bekannten Haarzopf).

In der Folge beweist Soury, daß jeder Knoten in einen geschlossenen Haarzopf verwandelt werden kann.

Diese beiden grundlegenden Entdeckungen bilden den Ausgangspunkt der Zusammenarbeit zwischen Soury und Thomé und des Briefwechsels mit Lacan.

Thomé sendet diese Ergebnisse zusammen mit zahlreichen Zeichnungen von Zöpfen und Knoten an Lacan, der in der folgenden Sitzung des Seminars davon spricht und Thomé in einem Brief einlädt, zu ihm zu kommen. Das ist der erste Brief Lacans an Soury und Thomé.

In der Folge kommt es zu einem intensiven Briefwechsel (1973-1979) und häufigen persönlichen Zusammenkünften, in denen die Problematik der borromäischen Knoten behandelt wird. Lacan spricht in seinem Seminar immer häufiger von Knoten und verweist wiederholt auf Soury und Thomé. Er fordert sie auch mehrmals auf, ihre Texte unter den Zuhörern des Seminars zu verteilen.

1976 beginnt Thomé eine Pschoanalyse bei Lacan, und Lacan wendet sich daher in der Folge nur noch an Soury. Er lädt ihn häufig ein, um über Topologie zu sprechen (Flächen und generalisierte borromäische Knoten).

Dieser Briefwechsel und diese Zusammenkünfte finden 1979, wenige Monate vor Lacans Auflösung der 'Ecole Freudienne', ein Ende, als Lacan Soury wiederholt bittet, unmittelbar vor den Seminaren mit ihm zusammenzutreffen, um über Topologie zu spechen, und Soury, dem dies nicht behagte, ihm dies schließlich verweigerte.
1
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, um 1975.

Zeichnung eines borromäischen Zopfes aus 5 Strängen, von denen 4 parallel bleiben, während ein spezieller namens w (Omega) alle borromäisch zusammenflicht.
2
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 11. 6. 1975.

Gleiche Problematik. Diesmal 6 Ringe. Der Ring Omega flicht die anderen und sich borromäisch zusammen (obwohl der Anschein  nicht borromäisch ist).
3
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, um 1976.

Wie kann man 2 Tetraeder so verbinden, wie man Fadenringe zu je zweien zu einem Ring verknüpft (um dann borromäische Ketten aus Tetraedern zu konstruieren)?
4
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 12. 1. 1978.

Sogenannte Fike-Kette in Algenform: Konstruktion der Fike-Borromäerinnen,indem man in einer borromäischen Kette das Innere des Torus nimmt, der einen äußeren Ring ergänzt.
5
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 17. 1. 1978.

Komplementäre Tori: Problem der Verschachtelung.
6

Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 15. 12. 1977, recto.

"Sagen Sie mir bitte, auf wieviele Weisen sich einer dieser 6 Tori umkehrt. Es gibt zwei andere Fälle:  denjenigen, den ich 'Gänsemarsch' genannt habe."
7

Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 15. 12. 1977, verso.
8
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 21. 2. 1978.

"Ich bin heute früh, 21. Februar 1978, bei Ihnen gewesen, um zu versuchen, etwas aufzustellen. Sie waren nicht da. Zumindest habe ich das angenommen: denn ich habe lang an Ihr Tor geklopft. Diese Geschichte macht mich rasend."
9
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 30. 10. 1978.

"Warum sind die 4 Halbdrehungen in Ihrem Papier so dargestellt? ... oder so. Rufen Sie mich möglichst bald zuhause an? Wenn Sie können."
10
Jacques Lacan, Brief an Pierre Soury, 20. 11. 1978.

"Seien Sie so gut, lieber Soury, mir das Moebius-Band zu machen - das wir das dreifache nennen und das sich so darstellen läßt, und mir davon die Doppelung anzufertigen, der Sie ein Inneres und ein Äußeres verleihen."
11

Jean-Michel Vappereau: Die Topologie Lacans. Kleine Chronik des Generalisierten Borromäischen Knotens

"Was läßt von einem Loch sprechen?
In welcher Richtung betritt man es?
Eine Vagina ist kein Loch sondern ein Organ.
Der Surrealismus ist typischerweise die dem Realen zugesprochene Intention."

Auf dieser Seite finden sich Beispiele jeder topologischen Spielart, derer sich die Topologie Lacans bedient:

Graphen/Flächen/Knoten; und dazu eine typische Topologie-Reflexion von Lacan über das Loch.
In der Mitte der Seite soll ein Kreis ein Loch darstellen, eine 1-Sphäre, einen Streifen. Es ist ein Kommentar zur mangelnden Logik der Zeichnung. Sobald es ein Loch des Loches gibt, geht es nicht mehr. Lacan vergleicht das, was ein vorgestelltes Loch (einen Streifen) verstopft, mit einem Loch. Löcher in diesem Stoffstreifen scheinen ihm Löcher im Loch zu sein.
Die Kreise unten auf der Seite sind Ringe. Man findet den Knoten mit zwei unendlichen Geraden und eine Reflexion über die Dualität der Plättung eines Ringes, in der die anderen Ringe, die eine Kette bilden, durch Graphen ersetzt wurden.  Seither erschienen uns diese Graphen sehr nützlich, und wir haben sie unter dem Namen 'Graphen von Terrasson" definiert.
12

P. Soury
Der Kleeblattknoten am Torus.

Es handelt sich um zwei Darstellungen, der Vorder- und Hinterseite eines Kleeblattknotens am Torus, von Soury etwas zögernd gezeichnet und gezählt. Wir können bezeugen, daß Lacan diese Zeichnung oft zur Hand nahm, um die Zählung der Drehungen auf der Oberfläche des Torus zu üben. Er berichtigt die Zählung von Soury und schreibt: "2 mal um den Kern."
13

P. Soury
Das Moebius-Band. Das umhüllende Band.

Diese Darstellung des Moebius-Bandes und seiner Verdoppelung beinhaltet einige Schwierigkeiten. Es kam vor, daß Lacan uns bat, zu überprüfen, ob diese Darstellung richtig gezeichnet ist.
14

J. Lacan
Das dreifache Moebius-Band und sein Mittelschnitt.

Die zwei durch diesen Schnitt erhaltenen, unterschiedlichen Seiten sind als "Vorderseite" und "Hinterseite" beschriftet. Wie auch im Fall der Knoten am Torus schenkte Lacan der Schwierigkeit der Zählung bei dieser Art von Objekt Beachtung.
15

J. Lacan
Versuch einer borromäischen Kette mit vier Ringen.

Lacan schichtet drei Ringe übereinander. Er versucht, sie durch einen vierten zu verknüpfen. Wie gewöhnlich demonstrierte Lacan gerne, daß es ihm vor allem darum ging, spezielle borromäische Knoten und Ketten zu konstruieren. Es ist eine Möglichkeit, die Frage zu präsentieren, genauer gesagt geht es darum, zu sagen, was ein Knoten und was ein Loch ist.

Unten die Skizze einer Armillardarstellung der gleichen Viererkette.
16

J. Lacan

Konstruktion der Viererkette

Ausgehend von einer  Anordnung dreier übereinandergeschichteter Ringe zeichnet Lacan die verschiedenen Arten der Darstellung der borromäischen Kette mit vier Ringen, indem er den Durchgang des vierten in dieser Anordnung untersucht. In seinem Seminar nennt er den vierten Ring "sinthome".
17

J. Lacan

Konstruktion der Viererkette
18, 19

"Die Topologie widersteht
Das Auseinanderklaffen der Psychoanalyse und der Topologie
Es ist das, was das ist
Der Rand
Das umhüllende Band
Korrespondenz zwischen der Topologie und der Praxis
Die Zeiten"
Bei der Untersuchung dessen, was allen Moebius-Bändern gemeinsam ist, stößt man auf den Kleeblattknoten und seinen Schnitt. Lacan untersucht diese Struktur nicht zufälligerweise. Sie läßt sich bis zum Seminar des 15. Februar 1967 zurückverfolgen und findet sich wieder in der Schrift "L'étourdit" (Scilicet Nr. 4). Er nennt sie signifikante Involution.
19 20

P. Soury

Generalisierter Borromäer im engeren Sinn 6-3. Soury bildete eine generalisierte borromäische Kette nach unserer Methode im Fall von sechs Ringen. Es ist notwendig und hinreichend, drei Ringe herauszuziehen, damit sie sich auflöst. Sein beigefügter Kommentar erhellt und bestätigt unser Interesse für die Lektüre des Pascal'schen Dreiecks.
21

J. Lacan

"Ein drittes Geschlecht
Es genügen zwei    Der Borromäer
nicht zu reduzieren
auf die Standardform
wird generalisiert genannt
4.2"
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Stroemfeld/Roter Stern aus daedalus: Die Erfindung der Gegenwart (Basel-Frankfurt 1990)