{"id":71,"date":"2018-12-16T16:51:28","date_gmt":"2018-12-16T15:51:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lacan.at\/?p=71"},"modified":"2022-01-31T11:47:54","modified_gmt":"2022-01-31T10:47:54","slug":"walter-seitter-aristoteles-betrachten-und-besprechen-metaphysik-i-vi-freiburg-muenchen-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lacan.at\/?p=71","title":{"rendered":"Bericht aus dem Aristoteles-Seminar von Walter Seitter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Im J\u00e4nner 2011 wurde das Aristoteles-Seminar unter dem Titel \u201eIn der Metaphysik lesen\u201c fortgesetzt. Auch hier wird ein Buch-Titel zur Signatur eines Seminars erhoben &#8211; mit dem es aber eine andere Bewandtnis hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens stammt dieser Titel nicht von Aristoteles &#8211; er wurde erst 300 Jahre nach seinem Tod. also im 1. Jahrhundert vor Christus, &nbsp;anl\u00e4sslich der Redigierung der Textmasse erfunden. Zweitens hat dieser Titel eine ungeheure Wirkungsgeschichte gehabt, die weit \u00fcber das Buch hinausgeht und die gesamte europ\u00e4ische und das hei\u00dft auch die globale Philosophie- und Denkgeschichte gepr\u00e4gt hat. Und zwar als eine h\u00f6chst &nbsp;umstrittene &nbsp;Denkform, die noch dazu &nbsp;mit allen m\u00f6glichen anderen kulturellen Ph\u00e4nomenen wie Wissenschaftstheorie &nbsp;oder Religion &nbsp;identifiziert oder verwechselt worden ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die \u201eMetaphysik\u201c &nbsp;und &nbsp;mit ihr die Philosophie im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert viel von ihrem alten Ansehen eingeb\u00fc\u00dft hatte, hat sich gerade in Wien ein zwiesp\u00e4ltiger Konsens durchgesetzt, dem zufolge entweder die Physik oder die Psychologie als seri\u00f6se Paradigmen das Realit\u00e4tsverst\u00e4ndnis dominieren k\u00f6nnten. Die erste Ansicht hat im Wiener Kreis ihre Anh\u00e4ngerschaft gefunden und hat sp\u00e4ter in Erfindungen wie der Kybernetik und der Systemtheorie Einflu\u00df auf die technologische Entwicklung genommen. &nbsp;Die zweite wurde durch die &nbsp;Psychoanalyse (und ihre diversen Schulen) organisiert und weiterentwickelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6sterreichischen Anf\u00e4nge der beiden Paradigmen sind durch bekannte &nbsp;politische \u201eEreignisse\u201c beinahe &nbsp;vernichtet worden &#8211; sie haben vor allem in Amerika \u00fcberlebt und haben von dort aus wieder nach Europa \u00fcbergegriffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jaques Lacan &#8211; im gl\u00fccklicheren Frankreich &#8211; geh\u00f6rt nat\u00fcrlich dem zweiten der oben genannten Paradigmen an &#8211; hat sich aber intensiv und programmatisch auch aufs erste eingelassen, indem er mit Linguistik und Topologie strukturale und das hei\u00dft auch \u201egraphische\u201c Vorgangsweisen erfunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein umfassender Horizont hat dabei auch die Metaphysik-Problematik &nbsp;einbezogen &#8211; und zwar nicht nur mit der freudschen Ersetzung der \u201eMetaphysik\u201c durch \u201eMetapsychologie\u201c. Sondern er hat die oben erw\u00e4hnte \u00fcber zweitausendj\u00e4hrige innere Dramatik der Metaphysik-Geschichte gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Tagen j\u00e4hrt sich &#8211; wie an allen Tagen &#8211; so manches, so auch die folgenden Aussagen Lacans &nbsp;vom 15. Dezember 1971 in seinem Seminar:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e \u2026 ich m\u00f6chte Ihnen sagen, lesen Sie die&nbsp;<em>Metaphysik &nbsp;<\/em>von Aristoteles, ich&nbsp;hoffe, dass Sie ebenso &nbsp;wie ich sp\u00fcren werden: das ist ziemlich verr\u00fcckt, beinahe kuhbl\u00f6d \u2026 Es geht nicht um die Metaphysik des Aristoteles in ihrem Wesen, in ihrem Signifikant \u2026. Dieses B\u00fcchel, &nbsp;denn es ist ja blo\u00df ein B\u00fcchel, ist etwas ganz anderes als die Metaphysik. Ich sprach eben von &nbsp;einem B\u00fcchel, das geschrieben worden ist. Mandat ihm einen Sinn gegeben, den man die \u201aMetaphysik\u2018 nennt, man mu\u00df jedoch das B\u00fcchel vom Sinn unterscheiden. Seitdem man ihm diesen Sinn gegeben hat, &nbsp;ist das B\u00fcchel nicht mehr leicht aufzufinden \u2026\u201c (<em>S\u00e9minaire XIX. \u2026 ou pire<\/em>&nbsp; (Paris 2011: 28)<\/p>\n\n\n\n<p>Lacan sieht also, da\u00df dieses Buch kaum zu lesen ist. Eines der ber\u00fchmtesten B\u00fccher &#8211; und so wenig gelesen. Aber viel beredet und hin und her.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieses Sehen oder so ein \u00e4hnliches versuche ich seit 2011 im sehr langsam und langwierig vorgehenden Seminar \u201eIn der Metaphysik lesen\u201c zu \u00fcben, &nbsp;zu erl\u00e4utern, zu diskutieren (wobei es nicht ohne Kontroversen abgeht).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich nach den zitierten Zeilen macht Lacan einen Vorschlag zu einem radikalen Umlesen &#8211; n\u00e4mlich es so lesen wie einen Roman voller Humor.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit so einem Vorschlag stellt er sich neben die &nbsp;&#8222;Neue Wiener Gruppe&#8220;, die nach dem Zweiten Weltkrieg in \u00d6sterreich aus politischer Fast-Verzweiflung, linguistischem und technologischem Avantgardismus und mancherlei Frechheit diverse &nbsp;poetische Sachen gemacht hat. Oswald Wiener hat ein Jahr vor seinem Tod einen Gedichtzyklus vorgetragen, in dem ein besseres Mitteleuropa aufscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Schriftliche Beitr\u00e4ge erscheinen regelm\u00e4\u00dfig und k\u00f6nnen unter&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/hermesgruppe.blogspot.com\">https:\/\/hermesgruppe.blogspot.com<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>abonniert und eingesehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein erster Teil des Seminars ist unter demTitel<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik I-VI)<\/em>&nbsp;(Freiburg-M\u00fcnchen 2018)<\/p>\n\n\n\n<p>erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sp\u00e4tsommer 2021 habe ich supplement\u00e4r zur<em>&nbsp;Metaphysik<\/em>&nbsp; von Aristoteles&nbsp;<em>Die Sonne<\/em>&nbsp;von Francis Ponge gelesen, ein poetisches Werk, aber kein begriffsloses, welches die aristotelische Ursachen-Frage anders behandelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seit diesem Oktober lesen wir zus\u00e4tzlich ein bislang unbekanntes Werk des Hermann von K\u00e4rnten, das um die Mitte des 12. Jahrhunderts geschrieben worden ist. Karl Bruckschwaiger \u00fcbersetzt es aus dem Lateinischen\/Englischen. &nbsp;Der Titel des Buches, der angeblich Essentialismus ank\u00fcndigt:&nbsp;<em>De essentiis.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Walter Seitter, J\u00e4nner 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter Seitter: Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik I\u2013VI), Freiburg-M\u00fcnchen 2018<\/p>\n<p>10. Dezember 2018, 20:00 Uhr<br \/>\nVINOE, Die Nieder\u00f6sterreich Vinothek<br \/>\nPiaristengasse 35, 1080 Wien<\/p>\n<p>In diesem Band wird eine Lekt\u00fcre der ersten sechs B\u00fccher der aristotelischen Metaphysik dokumentiert, die von 2011 bis 2017 mit einer kleinen Gruppe von philosophisch Interessierten durchgef\u00fchrt worden ist. [\u2026]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15,4,3],"tags":[],"class_list":["post-71","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv","category-sektion-aesthetik","category-veranstaltungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=71"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":489,"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions\/489"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=71"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=71"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lacan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=71"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}