Bericht aus dem Aristoteles-Seminar von Walter Seitter

Archiv / Sektion Ästhetik

Im Jänner 2011 wurde das Aristoteles-Seminar unter dem Titel „In der Metaphysik lesen“ fortgesetzt. Auch hier wird ein Buch-Titel zur Signatur eines Seminars erhoben – mit dem es aber eine andere Bewandtnis hat. 

Erstens stammt dieser Titel nicht von Aristoteles – er wurde erst 300 Jahre nach seinem Tod. also im 1. Jahrhundert vor Christus,  anlässlich der Redigierung der Textmasse erfunden. Zweitens hat dieser Titel eine ungeheure Wirkungsgeschichte gehabt, die weit über das Buch hinausgeht und die gesamte europäische und das heißt auch die globale Philosophie- und Denkgeschichte geprägt hat. Und zwar als eine höchst  umstrittene  Denkform, die noch dazu  mit allen möglichen anderen kulturellen Phänomenen wie Wissenschaftstheorie  oder Religion  identifiziert oder verwechselt worden ist. 

Nachdem die „Metaphysik“  und  mit ihr die Philosophie im späten 19. Jahrhundert viel von ihrem alten Ansehen eingebüßt hatte, hat sich gerade in Wien ein zwiespältiger Konsens durchgesetzt, dem zufolge entweder die Physik oder die Psychologie als seriöse Paradigmen das Realitätsverständnis dominieren könnten. Die erste Ansicht hat im Wiener Kreis ihre Anhängerschaft gefunden und hat später in Erfindungen wie der Kybernetik und der Systemtheorie Einfluß auf die technologische Entwicklung genommen.  Die zweite wurde durch die  Psychoanalyse (und ihre diversen Schulen) organisiert und weiterentwickelt. 

Die österreichischen Anfänge der beiden Paradigmen sind durch bekannte  politische „Ereignisse“ beinahe  vernichtet worden – sie haben vor allem in Amerika überlebt und haben von dort aus wieder nach Europa übergegriffen. 

Jaques Lacan – im glücklicheren Frankreich – gehört natürlich dem zweiten der oben genannten Paradigmen an – hat sich aber intensiv und programmatisch auch aufs erste eingelassen, indem er mit Linguistik und Topologie strukturale und das heißt auch „graphische“ Vorgangsweisen erfunden hat.

Sein umfassender Horizont hat dabei auch die Metaphysik-Problematik  einbezogen – und zwar nicht nur mit der freudschen Ersetzung der „Metaphysik“ durch „Metapsychologie“. Sondern er hat die oben erwähnte über zweitausendjährige innere Dramatik der Metaphysik-Geschichte gesehen.

In diesen Tagen jährt sich – wie an allen Tagen – so manches, so auch die folgenden Aussagen Lacans  vom 15. Dezember 1971 in seinem Seminar:

„ … ich möchte Ihnen sagen, lesen Sie die Metaphysik  von Aristoteles, ich hoffe, dass Sie ebenso  wie ich spüren werden: das ist ziemlich verrückt, beinahe kuhblöd … Es geht nicht um die Metaphysik des Aristoteles in ihrem Wesen, in ihrem Signifikant …. Dieses Büchel,  denn es ist ja bloß ein Büchel, ist etwas ganz anderes als die Metaphysik. Ich sprach eben von  einem Büchel, das geschrieben worden ist. Mandat ihm einen Sinn gegeben, den man die ‚Metaphysik‘ nennt, man muß jedoch das Büchel vom Sinn unterscheiden. Seitdem man ihm diesen Sinn gegeben hat,  ist das Büchel nicht mehr leicht aufzufinden …“ (Séminaire XIX. … ou pire  (Paris 2011: 28)

Lacan sieht also, daß dieses Buch kaum zu lesen ist. Eines der berühmtesten Bücher – und so wenig gelesen. Aber viel beredet und hin und her. 

Und dieses Sehen oder so ein ähnliches versuche ich seit 2011 im sehr langsam und langwierig vorgehenden Seminar „In der Metaphysik lesen“ zu üben,  zu erläutern, zu diskutieren (wobei es nicht ohne Kontroversen abgeht). 

Gleich nach den zitierten Zeilen macht Lacan einen Vorschlag zu einem radikalen Umlesen – nämlich es so lesen wie einen Roman voller Humor. 

Mit so einem Vorschlag stellt er sich neben die  „Neue Wiener Gruppe“, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich aus politischer Fast-Verzweiflung, linguistischem und technologischem Avantgardismus und mancherlei Frechheit diverse  poetische Sachen gemacht hat. Oswald Wiener hat ein Jahr vor seinem Tod einen Gedichtzyklus vorgetragen, in dem ein besseres Mitteleuropa aufscheint.

Schriftliche Beiträge erscheinen regelmäßig und können unter 

https://hermesgruppe.blogspot.com

abonniert und eingesehen werden.

Ein erster Teil des Seminars ist unter demTitel

Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik I-VI) (Freiburg-München 2018)

erschienen.

Im Spätsommer 2021 habe ich supplementär zur Metaphysik  von Aristoteles Die Sonne von Francis Ponge gelesen, ein poetisches Werk, aber kein begriffsloses, welches die aristotelische Ursachen-Frage anders behandelt. 

Seit diesem Oktober lesen wir zusätzlich ein bislang unbekanntes Werk des Hermann von Kärnten, das um die Mitte des 12. Jahrhunderts geschrieben worden ist. Karl Bruckschwaiger übersetzt es aus dem Lateinischen/Englischen.  Der Titel des Buches, der angeblich Essentialismus ankündigt: De essentiis.

Walter Seitter, Jänner 2022